Bastian Wierzioch: Doch Dunkel

Eine Gastrezension von Karsten Kruschel

Roman, Plöttner Verlag, Leipzig 2009, 140 S., Euro 14,90

Felix Steiner redet mit seiner Freundin nicht wirklich oft über die Fälle plötzlichen Verschwindens, von denen die Medien gerade so viel Aufhebens machen. Wichtiger sind ihm die Restaurantketten des Mr. Suko Konzerns und die neuesten Hefte seiner Lieblingscomicreihe. Doch dann gerät er plötzlich in eine seltsame Welt, die sich als parallele Realität neben seiner eigenen entpuppt. Eigenartig repressiv ist sie, brutal und finster, eine Art Dystopie, eine ins Nebulös-Unendliche fortgesetzte Nazi/Nordkoreawelt, so dass man diesem Helden wider Willen kaum böse sein kann, wenn er alles daransetzt, in seine eigene Welt zurückkehren zu können. Er nimmt selbst die Hilfe der Comicfigur in Anspruch, deren Abenteuer er so lange verfolgt hat. Er benutzt sogar ihre phantastischen Kräfte. Und als er endlich heimgefunden hat, stellt seine Freundin fest, dass auch der Felix Steiner aus der anderen Realität an ihre Tür klopft.
Da ist das Buch aber zu Ende.

Wohlgemerkt: das Buch. Es einen Roman zu nennen, wie es der Verlag in fröhlicher Unbekümmertheit tut, ist ein bisschen… gewagt. Der Leser wird anfangs von einer Lese-Anweisung erschreckt, die den durchgehend zweispaltigen Satz des Textes erläutert. In der linken Spalte steht alles, was Felix Steiner hört, und was er sagt, steht auch da, und zwar zur Unterscheidung kursiv in einer anderen, serifenlosen Schriftart. In der rechten Spalte steht der Rest. Was er denkt (serifenlos), alle Zitate aus Medien und Schriften (Serifenschrift in Kapitälchen) und alle Geräusche (dieselbe Schrift, nur kursiv).
Wer’s nicht weiß, kann an dieser Stelle lernen, dass Serifen die kleinen Füßchen sind, die einen Buchstabenstrich beenden. Alles Buchstabenförmige, was in diesem Buch diese kleinen Endstriche nicht hat, sind – gedachte oder gesagte – Äußerungen des Helden; der Rest ist Außenwelt. Insofern ist das schon eine durchdachte Angelegenheit.

Und wie liest sich das?
Wie das Manuskript eines Hörspiels.
Kann man das überhaupt lesen?
Nach relativ kurzer Eingewöhnung: Erstaunlich flüssig.

Wegen der vorkommenden Comic-Figuren wurde auch von Comic ohne Zeichnungen gesprochen, aber das ist Unfug. Wenn man im Comic die Bilder weglässt, bleiben nur Dialoge übrig – und Onomatopoetika wie „Zack!“ und „Blaff!“ sowie Erikative wie „Schüttel!“ und „Indenbodenschäm…“. Die benutzt Wierzioch natürlich auch, aber der Text bleibt ein tonloses Hörspiel, dessen Geräusche und Effekte sich der Leser selbst generieren muß. Inklusive „Kawumm!“ Was ihn vom bilderlosen Comic drastisch trennt, ist die Innenwelt des Helden, die in stummen Monologen, Ausrufen und manchmal hinreißenden Mini-Sätzen (natürlich rechtsspaltig) ein Eigenleben entwickelt.
An dieser Stelle lässt sich gut die Information zum Autor unterbringen: Er ist Journalist und arbeitet u. a. beim MDR als Hörspielredakteur. Paßt also.

Natürlich ist es aufwendig, sich als Leser in diese zweispaltig-spröde Sprachwelt einzuarbeiten. Abschnitte doppelt lesen, zurückblättern, die Anweisungen studieren – all das gehört zum Lese-Erlebnis dieses Romans dazu (nennen wir ihn mal so, steht ja vorn drauf). Und offensichtlich hat Wierzioch auch das einkalkuliert. In den Anfangspassagen des Buches gibt es Stellen, die erst begreiflich werden, wenn man ein zweites Mal begonnen hat, sich dieses völlig tonlose und aufwendig produzierte Hörspiel vorzuspielen (denn der Leser produziert selbst dieses nichtexistente Hörspiel, zwischen den Ohren).
Und dann stechen die Momente der Poesie zwischen den kreischenden Buchstaben heraus: „Kannst Du meine Gedanken lesen?“ – „Ja, wenn ich es möchte.“ (S. 75)

Und die Momente, in denen nur Steiners Gedanken – in der rechten Spalte – sich überschlagen, einen stream of concsiousness erzeugen, der ahnen lässt, dass hier ein Autor mit Potenzial am Werke ist. Sprachspielerisch, unkonventionell Worte über Bande schnippend, immer wieder überraschend.
Dazu passen die Haken, die die Handlung schlägt, sich selbst ihrer Fiktivität vergewissernd, wenn der Held mit der Comic-Figur redet.

Ein Bestseller wird dieses Sagen-wir-mal-Roman-dazu-Buch nicht werden, dazu zieht es seine formalen Grundlagen als stummes Hörspiel zu konsequent durch und ist angesichts der leichtkonsumierbaren, aalglatt geschriebenen Massenware allüberall zu spröde und fordernd. Für den Leser, der sich auf ein Experiment einlassen kann, wird „Doch dunkel“ jedoch eine lang anhaltende Erfahrung sein.
Den Titel des Buches habe ich, gebe ich zu, auch nicht verstanden.

- Karsten Kruschel

Über Sina Hawk
Autorin wohnhaft in Leipzig

2 Antworten auf Bastian Wierzioch: Doch Dunkel

  1. Ich hasse lange Rezensionen! Aber wenn der Kruschel sie schreibt …. da bleib ich bis zum Ende gefangen Okay ich les das Buch. Und schreib dann auch was dazu.

    • Istvàn Nagy sagt:

      Oh, bitte, tu das!
      Das alles klingt, als müsste man es lesen. *Indenbodenschäm* allein ist schon so vertraut von den Comics her…

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